Smart City? Smartes Fichtelgebirge!

Das Smart City Modellprojekt Wunsiedel macht vor, wie ländliche Regionen von smarter Technologie profitieren

Bei dem Fachbegriff Smart City denkt man automatisch an Städte – Cities. Aber wie sieht es mit dem ländlichen Raum aus? Auch hier kann der Einsatz smarter Technologie natürlich zu einem lebenswerten und nachhaltigen Zusammenleben beitragen. Pionier auf dem Gebiet ist der bayerische Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge. In einem partizipativen Prozess wurden hier die Weichen für zahlreiche Modellprojekte gestellt. Was hat der Kreis vor?

Erster smarter Landkreis

Seit 2019 unterstützt das Bundesministerium des Innern (BMI) Smart City Modellprojekte im Rahmen eines Förderprogramms. In drei Staffeln bekamen mittlerweile 73 Bewerber*innen den begehrten Förderzuschlag. Darunter nicht nur Regionen im urbanen Raum wie Berlin oder Mannheim – auch kleinere Städte, Gemeinden und interkommunale Kooperationen nehmen teil. Wunsiedel im Fichtelgebirge wurde 2019 als bundesweit erster Landkreis zur Modellregion ernannt. Der Kreis in Oberfranken liegt direkt an der Grenze zur Tschechischen Republik und ist sehr weitläufig: 17 Städte und Gemeinden liegen im Kreisgebiet – mitten in schönster Mittelgebirgslandschaft. Urige Felsformationen, naturnahe Flüsse und malerische Bauernhäuser gibt es hier. Aber auch findige Bewohner*innen mit einer anpackenden Mentalität. Die Idee, smarte Technologie und digitale Lösungen für das Gemeinwesen einzusetzen, fiel auf fruchtbaren Boden.

Von der Ideenfindung bis zur Digitalstrategie

Gemeinsam mit Bürger*innen und den 17 Rathäusern des Kreises wurden zwölf Themenfelder abgesteckt, in denen man Projekte umsetzen will. Von Mobilität und Verwaltung über Landwirtschaft, Wirtschaft und Klimaschutz bis zu Bildung, Tourismus und Gesundheit reichen die Gebiete, in denen etwas passieren soll. Als Partner für Digitalisierung hat die Telekom den Landkreis begleitet und insbesondere dabei geholfen, Möglichkeitsräume und Machbarkeiten für die digitale Transformation auszuloten. In einem partizipativen Prozess über eine Mitmachplattform sowie in Werkstätten für Bürger*innen und Expert*innen wurden zahlreiche Ideen und Maßnahmen vorgeschlagen und diskutiert. 40 konkrete Projektideen zur nachhaltigen Entwicklung sind auf diese Weise entstanden. Sie alle wurden in die Digitalstrategie aufgenommen, die der Landkreis mittlerweile verabschiedet hat. Die erste Phase des Förderprojektes ist somit abgeschlossen und die Umsetzungsphase beginnt. Einige der zahlreichen Vorhaben sollen im Folgenden vorgestellt werden.

Datenplattform als digitale Basisinfrastruktur

Ein grundlegendes Vorhaben im Rahmen des Projektes und der Smart-City-Strategie ist die Entwicklung einer kommunalen Datenplattform. Sie soll den Bedürfnissen nach relevanten und aktuellen Daten in Wirtschaft, Naturschutz, Mobilität und Verwaltung gerecht werden und digitale Innovation ermöglichen. Wichtig ist dem Landkreis Wunsiedel dabei die DSGVO-konforme Erfassung der Daten und die Gewährleistung der kommunalen Datenhoheit. Momentan wird diskutiert, welche bestehenden Daten in die Plattform einfließen können, welche einheitlichen Standards erfüllt werden müssen und in welchen Bereichen die Sensor-Infrastruktur ausgebaut werden soll. Denn IoT-Sensoren, also Sensoren, die mit dem Internet verbunden sind, eröffnen viele interessante Nutzungsszenarien. Sie übermitteln ihre intelligenten Messdaten – zum Beispiel Belegungsdaten von Parkplätzen oder E-Ladesäulen, Luftqualitätsdaten, Wetterdaten oder Daten zum aktuellen Verkehrsaufkommen – in Echtzeit. Die Datenplattform wird dabei zur zentralen Drehscheibe der digitalen Lösung, auf der die Daten nicht nur gesammelt, sondern auch automatisch ausgewertet und weitergeleitet werden.

Anwendungsbeispiel: Park and Ride digitalisieren

Ein Beispiel für ein solches Nutzungsszenario ist die Digitalisierung von Park-and-Ride-Anlagen. Sie schafft Transparenz für Verkehrsteilnehmer*innen und Planungsabteilungen. Im Auto sieht man via App schon vorab, ob es einen freien Parkplatz gibt und welche Umstiegsmöglichkeiten verfügbar sind. Kommunen und Verkehrsverbund können die Auslastung über ein Dashboard stets in Echtzeit verfolgen. Umfangreiche Daten für Auslastungs- und Pendleranalysen stehen also jederzeit zur Verfügung – eine ideale Grundlage für eine effektive und intelligente Infrastrukturplanung.

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Mobilitätsstationen für optimale Umstiegsmöglichkeiten

Um im Rahmen des Modellprojekts mehr Alternativen zum privaten PKW-Verkehr zu bieten, möchte man im Landkreis Wunsiedel in Zukunft Mobilitätsstationen für den öffentlichen Personennahverkehr aufbauen. Die Idee: An zentralen Orten im Landkreis sollen Angebote für den öffentlichen Verkehr wie Bahn, Bus, Rufbus, Leihfahrrad, E-Mobilität und Carsharing gebündelt werden. Der Zugriff auf die verschiedenen öffentlichen Verkehrsmittel soll unter anderem intuitiv per App erfolgen – hier kommt die schon erwähnte Datenplattform wieder ins Spiel. Mit der Stärkung der öffentlichen Verkehrsmittel sollen neue Treffpunkte und eine bessere Sichtbarkeit der Mobilitätsangebote entstehen.

Mit einer App Bürger*innen informieren und vernetzten

Ein weiteres Pilotprojekt, das kurz vor der Realisierung steht, ist das Angebot einer Bürger-App für Smartphones. Alle Informationen des Landkreises zu Veranstaltungen, Institutionen, Vereinen, Gastronomie und Gewerbetreibenden sollen über eine barrierearme Plattform zur Verfügung stehen. Auch die Vernetzung soll mit der FichtelApp erleichtert werden: geplant ist die Einbindung einer Community-Funktion, über die Nutzer*innen zueinander finden können. Spielerische Elemente sollen in der neuen App zudem zum Erkunden der Region einladen.

Anwendungsbeispiel: Citykey Stadt-App

Mit Citykey bietet die Telekom einen modularen Baukasten für Bürger-Apps, der in Kooperation mit zahlreichen Städten und Kommunen entwickelt wurde. Neben aktuellen Informationen ermöglicht Citykey die Integration von Features wie Mängelmelder, Abfuhrkalender, Digitale Verwaltung und Bürger*innenbeteiligung.

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Innovationszentrum wird bald eröffnet

Die zahlreichen Vorhaben im Landkreis zu koordinieren, ist bei 40 Pilotprojekten natürlich eine Mammutaufgabe. Dass hierfür eine zentrale Anlaufstelle als Herzstück des Projektes „Smartes Fichtelgebirge“ hilfreich wäre, war allen Beteiligten schnell klar. So entstand die Idee, ein eigenes Innovationszentrum aufzubauen – das smartLAB – als ein Ort, an dem etablierte Unternehmen und Menschen mit Ideen und Gründungsvorhaben zusammenkommen. Neben einer effektiven Gründungsförderung für Klein- und Kleinstunternehmen soll das Zentrum mit Beratungs- und Weiterbildungsleistungen unterstützen. Um die weiteren Vorhaben des Modellprojektes effektiv und agil innerhalb der Verwaltungsstruktur gestalten und umsetzen zu können, wird das smartLAB als eines der ersten Projekte verwirklicht und steht momentan kurz vor der Umsetzung. Man darf also gespannt sein, wie es weitergeht im smarten Fichtelgebirge.

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