Fahrerlos durch die Stadt

Automated Valet Parking: Fahrerloser Parkservice

Interview zu Automated Valet Parking in Hamburg bei den Landungsbrücken

Jan Ungruhe Best Practice

Mehr Komfort, geringerer CO2-Ausstoß und parkbezogene Services: Forscher testen das Automated Valet Parking, ein fahrerloser Parkservice. Davon könnten Autofahrer genauso profitieren wie Städte und Anbieter von Fahrzeugflotten.

Parkassistenten oder Einparkhilfen gehören in fast jedem Neuwagen zur Standardausstattung. Hinter den Kulissen wird jedoch längst an Technologien geforscht, die das Parken noch einfacher machen sollen. Dabei geht es nicht nur um mehr Komfort für Autofahrer, sondern auch um Schadstoffreduzierung und neue Geschäftsmodelle. Im Interview erklären Silvia Thal, Projektleiterin von UrbanSmartPark und tätig am Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik (NFF) der Technischen Universität Braunschweig, und Oliver Stumm, Smart-City-Experte bei Urban Mobility / Smart City Deutsche Telekom, wie Parken in der Zukunft aussehen kann – und wie Automated Valet Parking dazu beitragen kann, die Problematik von zu wenig E-Ladesäulen zu lösen.

   

Frau Thal, nehmen wir an, wir möchten in einigen Jahren mit dem Auto in die Stadt fahren. Das Ziel: Die Landungsbrücken in Hamburg. Wie sieht ein Parkvorgang in der Zukunft aus?
Silvia Thal: Ich steige zu Hause in mein Auto und fahre zu den Landungsbrücken. Dort steige ich aus – zum Beispiel an einer Haltestelle – und buche via App den Service des sogenannten „Automated Valet Parking“. Den Begriff Valet-Parken kennt man bereits aus der Hotelbranche, wenn zum Beispiel ein Portier das Auto ins Parkhaus fährt. Bei uns ist das Valet-Parken allerdings automatisiert: Das Fahrzeug plant die Route, fährt diese ab – und sucht sich dann von allein einen freien Parkplatz. Diese Info erhält es zum Beispiel über einen Backend-Server, in unserem Fall über einen Server von T-Systems. Am Parkplatz angekommen, parkt es fahrerlos automatisiert ein und schickt mir eine Info auf das Smartphone. Nach meiner Bestätigung ist der Parkvorgang abgeschlossen.

Und wenn ich wieder nach Hause fahren will?
Silvia Thal: Andersherum funktioniert das natürlich auch. Per App buche ich den Pickup-Service: Das Fahrzeug erkennt anhand meiner GPS-Position, wo ich mich befinde und fährt automatisiert zu mir zurück.

Im Dezember 2020 konnten Sie im Hamburger Hafengebiet bereits demonstrieren, dass das Forschungsfahrzeug autonom durch die Stadt fahren kann und am Ziel automatisch einparkt. Wie lange müssen Autofahrer noch warten, bis sie ihr Auto serienmäßig automatisch einparken lassen können?
Silvia Thal: Wir stehen noch vor einigen Herausforderungen, daher können wir ein konkretes Jahr schwer benennen. Zum einen sind hinsichtlich der Fahrzeugsensorik noch Entwicklungen nötig, um gerade den komplexen innerstädtischen Verkehr zu beherrschen. Dazu kommen rechtliche Hürden, weil es zum Beispiel noch keine Zertifizierung für automatisiertes Fahren gibt. Schneller wird es mit dem automatisierten Parken im Parkhaus gehen: Dort haben wir einen eingegrenzten Bereich, den wir für Fußgänger und manuelle Fahrten sperren und mit digitaler Infrastruktur ausrüsten können – das ist sowohl rechtlich als auch technisch um einiges einfacher.

Wie erkennt ein Auto denn überhaupt, wo sich ein freier Parkplatz befindet?
Silvia Thal: Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Beim Projekt UrbanSmartPark, das durch das European Institute of Innovation & Technology (EIT) gefördert wurde, haben wir die Schnittstelle zu Sensoren von T-Systems genutzt.

Oliver Stumm: Unsere Sensoren sind im ganzen Hamburger Raum verteilt. 2020 haben wir bundesweit mehr als 1.000 Sensoren verbaut. Die Besonderheit: Wir verbauen die Sensoren nicht pro Parkplatz, sondern können mit einem Sensor bis zu zehn Parkplätze abdecken. Wichtig ist letztlich eine gute Parkprognose; also wie hoch zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit ist, an den Landungsbrücken einen Parkplatz zu finden.

Wie lassen sich diese Sensoren heute schon nutzen?
Oliver Stumm: Wir fokussieren uns vor allem auf Sonderstellflächen wie etwa E-Ladesäulen, smarte Ladezonen oder Behindertenparkplätze. Im Sinne der Inklusion versuchen wir etwa in Pforzheim, Mobilität für alle Menschen zu ermöglichen. Wenn in Zukunft Parkplätze gebaut werden, muss es mit Blick auf eine smarte Stadtplanung selbstverständlich sein, dass jeder Parkplatz im Sinne von Detektionstechnik intelligent ist.

Ein höherer Komfort für den Autofahrer ist also nicht das alleinige Ziel der Technologie?
Silvia Thal: Das Projekt UrbanSmartPark ist im Förderrahmen EIT Urban Mobility entstanden, einer sogenannten Knowledge and Innovation Community - KIC. Das Ziel lautet, die urbane Mobilität in den nächsten sieben Jahren in Europa zu verbessern. Der manuelle Komfort ist nur ein Aspekt des Projekts. Automated Valet Parking könnte auch die Attraktivität von Carsharing-Fahrzeugen noch einmal deutlich erhöhen: Ich könnte zum Beispiel mit einem Carsharing-Auto direkt zur S-Bahn-Station fahren, danach sucht sich das Fahrzeug einen freien Parkplatz in der Nähe und fährt das letzte Stück autonom.

Oliver Stumm: So ein Modell ließe sich an einigen Orten sogar recht zeitnah umsetzen. Wir haben unsere Sensoren in Hamburg zum Beispiel schon auf allen Carsharing-Parkplätzen verbaut.

Studien zufolge verursacht der Parksuchverkehr etwa 30 Prozent des innerstädtischen Verkehrs. Ist mehr Komfort für Autofahrer nicht ein Widerspruch zur Forderung, dass die Menschen die Umwelt schützen sollen, indem sie weniger Auto fahren?
Silvia Thal: Überhaupt nicht, durch das automatisierte Valet-Parken würde praktisch der gesamte Parksuchverkehr entfallen. Das Fahrzeug muss nicht mehr 15 Minuten durch die Innenstadt kurven, um einen freien Parkplatz zu finden. Stattdessen parkt es zum Beispiel in den Randgebieten der Stadt. Wir würden den CO2-Ausstoß also verringern und den innerstädtischen Verkehr entlasten. Zudem könnten sich Kosten für Auffahrunfälle beim Einparken reduzieren lassen.

Oliver Stumm: Denkbar sind auch andere Services in der Zeit, in der das Fahrzeug ohnehin stehen würde. Das Auto könnte zum Beispiel automatisiert in die Waschanlage fahren.

Silvia Thal: Das ist richtig. Kundenbefragungen zeigen, dass Autofahrer für diesen Service bezahlen würden. Die Technologie könnte langfristig auch die Problematik lösen, dass es nur eine begrenzte Anzahl an Ladesäulen für Elektrofahrzeuge geben kann. Mit Automated Valet Parking könnten Fahrzeuge automatisch umparken, wenn die Batterie voll geladen ist – und den Ladepunkt für andere Fahrzeuge frei machen.

Im folgenden Beitrag können Sie sehen, wie Automated Valet Parking funktioniert und wie sich das Fahrzeug autonom durch die Stadt Hamburg navigiert:

Über das Projekt UrbanSmartPark

UrbanSmartPark thematisierte 2020 das automatisierte „On-Street-Parken“ in der Innenstadt, das zusätzlich Potenzial für parkbezogene Dienstleistungen bietet. Das Projekt wurde mit knapp 600.000 Euro durch das European Institute of Innovation & Technology (EIT) gefördert. Die Ergebnisse wurden im Dezember 2020 erfolgreich im Hamburger Hafengebiet demonstriert. Kurze Fahrstrecken sowie Ein- und Ausparkvorgänge werden beim sogenannten Automated Valet Parking fahrerlos durchgeführt.

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